Das allgemeine Dreieck Nach dem Laumeschen
Spezialisierungsprinzip neigt der Lernende dazu, abstrakte Gesetzmäßigkeiten an konkreten Beispielen festzumachen und im Bedarfsfalle anhand der Beispiele zu rekonstruieren. Kühnhackl und Schloder weisen darauf hin, daß der
Lernerfolg, nämlich die Sicherheit, mit der die allgemeine Regel reproduziert wird, wesentlich von der Art des kognifizierten Beispiels abhängt. Untersuchungen an Primarstufenlehrern haben gezeigt, daß eine formale Gesetzmäßigkeit
oft besser behalten wird als die ihr zugrundeliegenden Voraussetzungen: Der Satz von Pythagoras und der von der Winkelsumme im Dreieck
werden leichter wiedergegeben als die Tatsache, daß ersterer nur für rechtwinklige, letzterer hingegen für alle Dreiecke gilt. In dieser Sicht scheint uns eine Untersuchung guter Beispiele dringend erforderlich, und
dieser Aufsatz soll ein erster Schritt dazu sein. Er behandelt eine Situation, in der gute Beispiele besonders schwer zu finden und dabei gleichwohl außerordentlich wichtig sind, nämlich die Dreieckslehre in der elementarcn
Geometrie (vergl. auch das obige Beispiel!). Jeder, der einmal Elementargeomctrie gelehrt hat, weiß um folgende Schwierigkeit: Man möchte einen Sachverhalt an einem spitzwinkligen Dreieck demonstrieren, zeichnet ein solches an die
Taflel und stellt fest, daß man entweder ein rechtwinkliges oder ein gleichschenkliges Dreieck gezeichnet hat. |
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Der Frage, ob es überhaupt möglich ist, ein Dreieck anzuzeichnen, welches weder rechtwinklig noch gleichschenklig ist, scheint bisher nicht nachgegangen worden zu sein, wohl weil diese Frage dem Mathematiker lächerlich erscheint: Natürlich ist es leicht, ein solches Dreieck anzugeben. Die Praxis des Unterrichts zeigt aber, daß diese Antwort wirklichkeitsfremd ist: Ein Dreieck mit den Winkeln 89°, 45°, 46° ist für den Unterricht nicht besser als ein gleichschenklig-rechtwinkliges. Es kommt für das Spezialisierungsprinzip
nicht darauf an, ob das an die Tafel gezeichnete Dreieck wirklich rechtwinklig oder gleichschenklig ist, wesentlich ist, ob es vom Lernenden als rechtwinklig bzw. gleichschenklig empfunden wird. Darin liegt der oft
übersehene Schlüssel zum guten Beispiel; wir wollen daher ein spitzwinkliges Dreieck im folgenden ein allgemeines Dreieck nennen, wenn es von einem befriedigend großen Anteil der Lernenden weder für rechtwinklig noch für
gleichschenklig gehalten wird. Zunächst gilt es also zu bestimmen, wann zwei Winkel in der Empfindung des Lernenden identifiziert werden. Dankenswerterweise hat Herr OStDir. Dr. Schrulle vom Chlodwig-Poth-Gymnasium
in Bramme diesen Vorschlag aufgegriffen (seine Ergebnisse liegen in Kürze zur Veröffentlichung vor); einer seiner Studienreferendare hat in einem Feldversuch mit den Schülern der Klasse l1d des genannten Gymnasiums die
Unterscheidungsfähigkeit von Schülern bezüglich ebener Winkel untersucht. Dazu wurden den Schülern Winkelpaare vorgelegt, von denen sie spontan entscheiden sollten, ob es sich um gleiche oder verschiedene Winkel
handelt. Die Ergebnisse sind in nachfolgender Tabelle dargestellt.
Zeichnet man diese Zahlen in einer Graphik auf (s. Treppenkurve), so erkennt man, daß die Werte normalverteilt liegen, und man kann die Standardabweichung sigma zu 5.77 berechnen. |
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Eine Faustregel der Statistik besagt nun, daß weniger als 1% der Fälle um 2,6sigma oder mehr vom Mittelwert abweichen, Wir dürfen also davon ausgehen, daß wenigstens 99% aller Schüller (und das halten wir sehr wohl für einen befriedigend hohen Anteil!) zwei Winkel als verschieden erkennen, wenn diese sich um 15° oder mehr unterscheiden. Die Zahl 99% mag willkürlich gegriffen erscheinen, wir werden aber später sehen, daß aus ganz anderen Gründen ein höheres Signifikanzniveau nicht erreicht werden kann. Wir wissen nun also genauer, wie
wir das allgemeine Dreieck zu definieren haben: Ein spitzwinkliges Dreieck ist allgemein, wenn sich jeder seiner Winkel um wenigstens 15° vom rechten Winkel unterscheidet und sieh je zwei seiner Winkel voneinander ebenfalb um
mindestens 15° unterscheiden. An dieser Stelle erlebte der Autor eine (und er kann nicht verhehlen: freudige) Überraschung. Betrachten wir nämlich die möglichen Formen des allgemeinen Dreiecks genauer, so ergibt
sich folgendes: Der größte Winkel im allgemeinen Dreieck ist um wenigstens 15° Meiner als der rechte, sein Wert möge also
alpha = 75° - delta für ein delta >= 0
betragen. Der zweitgrößte Winkel, sagen wir beta, ist wiederum um wenigstens 15° kleiner, wir erhalten also
beta = 60° - delta - zeta |
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Der kleinste Winkel hat schließlich mit der gleichen Argumentation die Größe gamma = 45° - delta – zeta – theta für ein theta >=0
Berechnet man die Winkelsumme, so findet man
180° = alpha + beta + gamma = 75° - delta + 60° - delta – zeta + 45° - delta – zeta – theta woraus sofort delta = zeta = theta = 0
folgt. Es ergibt sich also folgender Existenz und Eindeutigkeitssatz: HAUPTSATZ: Es gibt (bis auf Ahnlichkeit) genau ein allgemeines Dreieck;
Die Herren Kollegen vom Studienseminar IV in Bramme waren so freundlich, die Verwendung des allgemeinen Dreiecks im Unterricht zu erproben.
Von ihren demnächst erscheinenden Ergebnissen sei soviel vorweggenommen: 1) Ein Freihandzeichnen des allgemeinen Dreiecks ist auch hei guter Übung riskant; nur wenige Kollegen brachten es soweit, daß sie das allgemeine
Dreieck auf Anhieb richtig zeichnen konnten. 2) Zu guten Ergebnissen führt das unauffällige Markieren der Eckpunkte an der Tafel. Bei Holztafeln genügt das Einschlagen und wieder Entfernen
eines dünnen Nagels, bei Glastafeln kann der gleiche Effekt mit einer guten Bohrmaschine erzielt werden (wegen der Glasbruchgefahr sollte man dies
vom Hausmeister vornehmen lassen). Diese Methode hat mehrere Nachteile: Erstens ist sie mit einem gewissen Arbeitsaufwand verbunden, und
zweitens wurden in einigen Fällen die Markierungen von den Schülern bemerkt und durch das Anbringen weiterer Markierungspunkte konterkariert.Es
wurde bereits die Anregung gemacht, Schultafeln in Zukunft schon bei der Produktion mit einer unauffälligen Kennzeichnung des allgemeinen Dreiecks zu versehen.
3) In den meisten Fällen sind solche Vorbereitungen aber überflüssig, nämlich dann, wenn eine Tafel mit Karomuster zur Verfügung steht. In diesem
Falle ist es sehr einfach, eine ausreichend gute Näherung des allgemeinen Dreiecks anzuzeichnen. Wir machen uns dabei die Tatsache zunutze, daß 4² + 7² = 65, also annähernd gleich 8² |
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